Was ist Transpersonale Psychotherapie?


Einleitung


Psychotherapie ist ein Verfahren, um die Psyche mit den Mitteln der Psyche zu heilen. Transpersonale Psychotherapien sind solche Verfahren der Psychotherapie, welche die spirituelle Dimension des Menschseins als fundamental betrachten und in den Therapieprozess einbeziehen. Ein kurzer historischer Überblick hilft, den Stand der transpersonalen Psychotherapie in der heutigen Psychologie besser zu verstehen:


Jahrtausende lang beschäftigten sich die Heilkundigen so gut wie aller Völker stets mit vier Dimensionen des Menschen: mit dem menschlichen Körper, mit der sozialen Umwelt, mit dem Göttlichen oder Transzendenten und - eher implizit - mit der psychischen Dimension. Modern spricht man von der bio-psycho-sozio-spirituellen Bestrachtungsweise des Menschen (eine Erweiterung des bio-psycho-sozialen Ansatzes der Medizin nach G. Engel). Schamanen in Asien, Amerika und Afrika heilten und heilen bis heute ihre Patienten durch die Wirkung all dieser Dimensionen zugleich. Ebenso praktizierten in den frühen Hochkulturen etwa Ägyptens, Mesopotamiens und Israels die Priester zugleich Heilungsrituale und waren damit ein wichtiger Teil des medizinischen Versorgungssystems. Die Grenzen zwischen Religion und Heilkunde waren selbst dann noch nicht scharf gezogen, als es den Beruf des Arztes bereits als eigenständiges Gebiet gab, wie im christlichen Mittelalter, wo viele Mönche und Nonnen zugleich Heilkundige waren.


Erst in der Neuzeit kam es zu einem sehr raschen Prozess unentwegter Differenzierungen und Spaltungen, in dessen Verlauf sich Wissenschaftsgebiete und Schulrichtungen voneinander trennten und ihre Eigenständigkeit behaupteten, die zuvor – auch inhaltlich - eine Einheit bildeten. Die Religion war dabei in Folge der Aufklärung in einen Gegensatz zur wissenschaftlichen Betrachtungsweise des Menschen geraten: Die medizinische Behandlung psychischer Leiden wurde durch Pinel und die französischen „Moralisten“ um 1800 und etwas später in Deutschland durch J. Ch. Heinroth auf eine solche naturwissenschaftliche Grundlage gestellt und damit jede religiöse Komponente mehr und mehr pauschal als Aberglaube aus der psychiatrischen Betrachtung ausgeschlossen. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden seelische Leiden sogar als körperlich begründete Nervenleiden betrachtet und damit gänzlich im grob-materiellen Bereich verortet (beispielsweise von dem Psychiatrieprofessor Wilhelm Griesinger und seinem Diktum „Geisteskrankheiten sind Nervenkrankheiten“).


Die Psychologie begann etwa zur selben Zeit damit, auf den Zug der Begeisterung für das naturwissenschaftlich-materialistische Weltbild aufzuspringen. Sie löste sich unter dem Einfluss der Physiologie von der Philosophie und betrachtete sich fortan mehrheitlich als Naturwissenschaft. Diese neue naturwissenschaftliche Psychologie schuf in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts den methodischen Behaviorismus und dieser die Verhaltenstherapie. Nur einzelne Protagonisten der Psychologie des ausgehenden 19. Jahrhunderts getrauten sich neben "seriösen" Forschungsarbeiten auch ihrer eigenen religiösen Begeisterung wissenschaftlichen Ausdruck zu verleihen: Gustav Th. Fechner, einer der naturwissenschaftlichen Vordenker der modernen Psychologie, schrieb tiefgründige religiöse Abhandlungen. Wilhelm Wundt, der als der Vater der modernen Psychologie überhaupt gilt, behandelte die Religion am Rande in seiner Völkerpsychologie; nur der bedeutende amerikanische Philosoph und Psychologe der vorigen Jahrhundertwende, William James, widmete sich intensiv der religiösen Erfahrung.


Das 20. Jahrhundert schließlich war sicherlich das Jahrhundert der Analyse: auch im Sinne der Freudschen Psychoanalyse, aber noch mehr im Sinne der Scheidung geistiger Elemente voneinander, der Trennung des einen vom anderen. Mit zunehmender physiologisch-naturwissenschaftlicher Ausrichtung der Psychologie galt Religiosität immer weniger als wissenschaftliches Forschungsgebiet, wenn auch eine um Anpassung bemühte Religionspsychologie sich als kleiner Strom akademischen Interesses erhalten konnte. Und da Religiosität weder in das Konzept des Gründervaters der Psychoanalyse, Sigmund Freud, noch der neuen philosophiefernen Psychologie und ihrer Tochter, der Verhaltenstherapie, passte, gab es in der Behandlung psychischer Probleme für sie keinen angemessenen Platz. Erst in letzter Zeit hat sich der Ruf nach einer erneuten Verbindung beider Bereiche wieder allenthalben vernehmen lassen. Eine Antwort darauf bildet diejenige Richtung der Psychologie und Psychotherapie, die sich als „transpersonal“ bezeichnet.


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